„In meinem Heimatland ist Freiheit nur ein Schlagwort“

Der 16jährige Milad Esmati spricht mit Lina Sharifi über die Bedeutung von Freiheit in seinem Heimatland.
Man trifft sich manchmal im Leben in überraschenden Situationen. So ist das mir und Milad passiert.


Der 16jährige Milad Esmati kommt aus Afghanistan. Während ich ihn über die unterschiedliche Bedeutung von Freiheit in seinem Heimatland und Deutschland befragte, stellten wir fest, dass wir beide in Kabul gewohnt haben. In der selben Straße. Keine 200 Meter voneinander entfernt. Dort haben wir uns nie getroffen, nun begegnen wir uns im Exil und sind beide überrascht.
Es war für Milad nicht die erste Überraschung in Deutschland. Ihn erstaunte sehr, dass sich Männer und Frauen auf der Straße küssten. Hier, sagt Milad, hätten beinahe alle Jungen und Mädchen einen Freund oder eine Freundin. Und Paare würden zusammen leben, ohne verheiratet zu sein. "Ich würde das so nicht machen", sagt Milad auf Dari und zuckt die Schultern, "aber das ist Freiheit." In meiner Heimat wäre das verboten und aus kultureller und religiöser Sicht nicht akzeptiert worden.

Milad ist nach zwei Monaten schwerer und gefährlicher Reise in Deutschland angekommen und wohnt seit acht Monaten in Hildesheim. Er besucht die Freie Waldorfschule, dort hat er in diesem Jahr die zehnte Klasse bestanden. "Es war zuerst ein bisschen schwierig für mich in so einer Klasse zu lernen, in der Jungen und Mädchen zusammen sind", sagt Milad. „In Afghanistan gingen Jungen und Mädchen nach der vierten Klasse auf getrennte Schulen." Aber manchmal müsse man seinen Standpunkt ändern, um die Unterschiede zu sehen. "Erst, nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, verstehe ich, was Freiheit wirklich bedeutet, und was ich in meinem Heimatland über Freiheit gedacht habe.
In Afghanistan bedeutete für Milad Unfreiheit, dass Menschen im Gefängnis saßen. Oder dass Jugendliche und Frauen keine Erlaubnis hatten, zur Schule zu gehen oder zu arbeiten. Deshalb fühlte er sich in seinem Heimatland im Vergleich mit anderen frei. Seine Familie ließ ihn lernen, mit Freunden spielen und die Kleidung tragen, die er mochte. "Ich musste nur in der Gesellschaft meine Freiheit erkämpfen, weil vielen Menschen der Respekt vor meiner persönlichen Freiheit fehlte", betont Milad. 

Freiheit bedeute für ihn, die Achtung des Glaubens und der persönlichen Freiheiten anderer, solange kein Schaden dadurch entstehe. "In Afghanistan kann jeder die persönliche Lebensweise anderer in Frage stellen. Sie fragen, zum Beispiel, warum man nicht betet oder fastet. Manchmal dachte ich", sagt Milad, "diese Personen würden am Ende noch neben einem im Grab schlafen, damit Gott sie befragen könnte, was ich getan habe.“
In seiner Heimat mussten Frauen ein Kopftuch tragen und ihren gesamten Körper bedecken. In Deutschland, sagt Milad, habe ihn vor allem erstaunt, dass erst einmal egal sei, ob Frauen sich freizügig kleideten oder sich verschleierten.
"Nach den acht Monaten in Deutschland habe ich verstanden, dass in Afghanistan Freiheit nur ein Schlagwort war“, erklärt Milad. „Freiheit ist nur ein Gesetzesartikel in einem Gesetzbuch und die Artikel sind selbst Gefangene." Die Afghanen hätten einen langen Weg vor sich, um wahre Freiheit zu erreichen. "Aber das ist nich möglich, ohne eine geistige Revolution."