„Allein leben ist gut, aber mit Familie ist besser“

Der 17jährige Elham Ehsas spricht mit Lina Sharifi über die Bedeutung des Familienlebens in seinem Heimatland.
Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, diesen Begriff hört man oft. Aber was es für Jugendliche bedeutet, sich von ihren Eltern, den Brüdern und Schwestern zu trennen, daran denkt man selten.

 

„Es ist unmöglich in meiner Heimat in derselben Stadt zu leben und nicht mit der Familie zusammen zu wohnen“ sagt der 17jährige Elham Ehsas, der aus Afghanistan geflüchtet ist. Zuerst gemeinsam mit der Familie in den Iran. Und dann weiter, von der Familie getrennt, nach Europa. Seit sieben Monaten wohnt Elham in der Hildesheimer Innenstadt, im M&A-Hotel. Und obwohl er gedacht habe, ein unabhängiges Leben sei gut, man könne viel Zeit für sich haben und alle Entscheidungen selber treffen, findet er inzwischen, dass ein Leben mit der Familie besser ist. Elham kann nicht vergessen, wie er müde nachhause kam und seine Mutter ihn mit einem Lächeln begrüßte. Und dann saßen Vater, Mutter und drei Brüder zusammen und sprachen und aßen zu Abend.


"Wenn die afghanischen Familien nicht so stark wären, wäre es unmöglich einen beinahe 40jährigen Krieg und so viele Probleme zu überleben", erklärt Elham. "Es ist das Familienleben, das sie beruhigt sein und die Probleme vergessen lässt."
Solche Familie werden auf Heirat gebaut, die in der Regel zwischen zwei Familien vereinbart werden. Das Negative an dieser Tradition sei, sagt Elham, dass manche Mädchen und Jungen sich nicht kennen vor der Verlobung und nicht lieben und trotzdem lebenslang zusammen leben, ohne sich zu scheiden. “Scheiden ist Scham in meiner Heimat“, betont Elham.

Der Vater sei der Chef in afghanischen Familien. Er arbeitet und verdient das Geld. Die Mutter ist in der Regel zuhause, kümmert sich um die Kinder und die Hausarbeit. Viele Männer erlaubten ihren Frauen nicht, zu arbeiten und Geld zu verdienen, sagt Elham. Deshalb findet er gut, dass Männer und Frauen in Deutschland arbeiten und sich die Hausarbeit teilen können.

Die Frage, wie viele Kinder eine Familie haben sollte, wird in Afghanistan aus einem ganz anderen Blickwinkel diskutiert als in Deutschland. In seinem Land würde gesagt, dass wenig Kinder ein besseres Leben bedeuteten, erklärt Elham. Weil viele Frauen mehr als fünf Kinder bekommen, ohne für ihre Bedürfnisse aufkommen zu können. In Deutschland würden weniger Kinder geboren. Und das sei gut, findet Elham, andererseits sei das Leben für alte Leute hier oft einsam. In seiner Heimat gebe es keine Altenheime. Die Regierung gebe kein Geld aus für Kinder und alte Menschen. Stattdessen müssten die Familien zusammenhalten, Kinder, insbesondere die Söhne, sorgten für ihre Eltern.
"Dafür haben viele Familien in Deutschland ein Haustier, dass wie ein Familienmitglied ist", staunt Elham, "besonders Hunde." In Afghanistan hätten manche Leute auch einen Hund, aber nicht im Haus sondern im Garten. Bestenfalls würden Singvögel im Käfig gehalten. In einem Zimmer mit einem Hund zu wohnen, das wäre in Afghanistan sehr sehr ungewöhnlich.

"Ich mag nicht alle Traditionen in meiner Heimat", sagt Elham, "aber viele sind gut." Und so sei das auch in Deutschland. „Wie ich von einigen kulturellen Werten hier erstaunt war, so würde sich ein deutscher Junge in Afghanistan ziemlich wundern." Wichtig sei dabei, dass man vor allen Menschen Respekt habe, betont Elham, egal welche kulturellen Erfahrungen sie geprägt hätten.